Die Leute sind oft überrascht, wenn ich ihnen erzähle, dass ich Ingenieurwesen studiert habe.
Auf den ersten Blick scheinen Ingenieurwesen und Boutique-Hotellerie unterschiedlicher nicht zu sein.
Eine basiert auf Berechnungen.
Das andere basiert auf Beziehungen.
Das eine befasst sich mit Systemen.
Der andere Teil befasst sich mit Menschen.
Doch je mehr Jahre ich im Gastgewerbe verbringe, desto mehr erkenne ich, dass mich mein Ingenieurstudium auf unerwartete Weise darauf vorbereitet hat.
Während meines Gesprächs mit Sarah Riley fragte sie mich, wie ich so schnell Entscheidungen treffe.
Das ist eine Frage, die ich oft höre.
Die Antwort liegt im Ingenieurwesen.
Eine der ersten Lektionen, die ich gelernt habe, war, dass das Warten auf Perfektion in der Regel bedeutet, ewig zu warten.
Im Ingenieurwesen haben wir uns stark auf das 80/20-Prinzip gestützt.
Erreichen Sie eine Konfidenz von etwa achtzig Prozent.
Vorwärts.
Lernen.
Verbessern.
Anpassen.
Der Versuch, vor dem Handeln hundertprozentige Gewissheit zu erlangen, verzögert oft den Fortschritt, ohne das Ergebnis wesentlich zu verbessern.
Diese Lektion erwies sich beim Umzug nach Brasilien als unschätzbar wertvoll.
Ich sprach kein Portugiesisch.
Ich kannte die lokalen Systeme nicht.
Ich hatte noch nie ein Gastgewerbeunternehmen in einem anderen Land geführt.
Hätte ich gewartet, bis ich alles verstanden hätte, wäre CasaJOMO niemals eröffnet worden.
Stattdessen fragte ich immer wieder: „Welches Problem muss als nächstes gelöst werden?“
Das Ingenieurwesen hat mir auch beigebracht, systemisch zu denken.
Die Gäste erleben Frühstück, Zimmerreinigung, Check-in und Instandhaltung nicht als separate Abteilungen.
Sie erleben eine Reise.
Wenn ein Teil des Systems ausfällt, verändert sich das gesamte Nutzererlebnis.
Gastfreundschaft ist keine Ansammlung isolierter Aufgaben.
Es handelt sich um ein vernetztes System.
Genau so denken Ingenieure.
Jede Entscheidung hat Auswirkungen auf etwas anderes.
Sarah und ich sprachen während des Vorstellungsgesprächs auch über Entscheidungsmüdigkeit.
Sie erwähnte, wie erfolgreiche Menschen kleine Entscheidungen vereinfachen, um Energie für wichtige Entscheidungen zu sparen.
Ich lächelte, weil ich seit Jahren etwas Ähnliches tat.
Ein kleiner Kleiderschrank.
Einfache Routinen.
Weniger unnötige Entscheidungen.
Je mehr mentale Energie ich behalte, desto mehr kann ich in die Gäste investieren.
Das Ingenieurwesen hat mir aber auch etwas noch Wichtigeres beigebracht: Probleme sind selten persönlich.
Es sind Rätsel.
Wenn ein Gast unzufrieden ist, frage ich nicht sofort: „Wer ist schuld?“
Ich frage: „Welcher Teil des Systems hat diese Erfahrung hervorgerufen?“
Diese Denkweise verändert alles.
Es entfernt Emotionen.
Es fördert die Neugier.
Das führt zu besseren Lösungen.
Die vielleicht wichtigste Lektion, die mir das Ingenieurwesen gelehrt hat, ist das Vertrauen in die Ungewissheit.
Sie brauchen nicht alle Antworten, bevor Sie anfangen.
Sie benötigen lediglich genügend Informationen, um den nächsten wohlüberlegten Schritt zu unternehmen.
Der Rest offenbart sich durch die Erfahrung.
Im Rückblick betrachte ich Ingenieurwesen und Gastgewerbe nicht mehr als voneinander unabhängige Berufsfelder.
Einer hat mir beigebracht, wie Systeme funktionieren.
Der andere hat mir gezeigt, warum sie wichtig sind.
Wenn man beides kombiniert, schafft man nicht nur ein effizientes Unternehmen.
Sie schaffen einen Ort, an dem sich die Menschen stets gut aufgehoben fühlen.
Und genau das ist letztendlich gute Gastfreundschaft – ein durchdachtes System, d